MAULCO.

Meine Stärke: Verletzlichkeit

Natürlich erfolgreich: Die eigene Begrenztheit, fachlich wie menschlich, willkommen zu heißen, eröffnet Wege zur erfolgreichen Arbeit im Coaching.

Erschienen in Praxis Kommunikation 3/2025.

3/25 Meine Stärke: Verletzlichkeit

Trotz fundierter Ausbildung, erprobter Methoden und jahrelanger Praxis erleben wir in Coaching, Beratung und Therapie immer wieder Situationen, in denen unsere Konzepte nicht greifen. Das Eingestehen und sogar Willkommenheißen unserer fachlichen Begrenztheit und persönlichen Verletzlichkeit hilft uns, die Maske des Experten abzulegen und den Weg zu einer anderen Arbeitsweise zu öffnen: authentisch, menschlich und ganz natürlich erfolgreich.

Letztens sprach ich mit einem Kollegen, der gerade seine Coach-Ausbildung begonnen hatte. Er strahlte im Honeymoon dieser Phase des Coach-Werdens, und dann kam sie natürlich, die bekannte Frage: „Sag mal, wenn das alles wirklich so einfach ist, wieso haben Menschen dann überhaupt noch Probleme?“ Schulterzuckendes Lachen. Wäre es so einfach, wie es im Buch steht … aber na klar, die Klienten sind nun einmal Menschen, voll von wunderbarer Unvorhersehbarkeit, emotionalem Gewusel und verschachtelten Systemen aus Wünschen, Emotionen, Beziehungen.

Genau wie wir.

Natürlich beinhalten viele Trainingsprogramme einen großen Anteil von Selbstreflexion und persönlicher Entwicklung, denn Methodik alleine – das merken die meisten schon während der ersten „echten“ Session – genügt nicht, um nachhaltige Veränderungen zu bewirken. Die Beziehung bringt einen Großteil der Wirkung in Coaching, Beratung und Therapie: Das Konzept der therapeutischen Allianz wird in der Literatur und Ausbildungen oft aufgegriffen. Hinzu kommt die Erwähnung der Verletzlichkeit der Klienten, die es zu achten gilt. Man solle sie dazu anhalten, sich zu öffnen, auch wenn sie dabei (vermeintliche) Schwächen offenbaren müssen. Die Allianz hilft – auch – dabei, dass sie sich sicher genug fühlen, um dies zu tun.

Diese Betrachtung greift aber zu kurz, sie schafft eine künstliche Hierarchie, die dem Coaching-Prozess – und den Beteiligten! – nicht dienlich ist. Daher lege ich euch hier ein Statement vor, das ihr euch anschauen, drehen und wenden und wenn ihr mögt auch anwenden könnt:

Nur, wenn wir uns als Berater unserer eigenen Verletzlichkeit bewusst sind und sie mindestens genauso offenlegen können, wie wir es von unseren Klienten erhoffen, initiieren wir nachhaltige Veränderungen und eigenes Wachstum.

Die Verletzlichkeit des Coaches zeigt sich zum Beispiel in der Bereitschaft, eigene Fehler einzugestehen; in der Offenheit, auch von Klienten zu lernen; in der Fähigkeit, das eigene Wissen und – oft schwieriger – die eigene Meinung zu hinterfragen; in der Güte sich selbst gegenüber, Kränkungen zu reflektieren. Mein Supervisionsklient fühlte sich schrecklich, als seine Coachee sagte: „Na, die Session hat mir jetzt ja überhaupt nichts gebracht.“ Seine übliche Reaktion wäre gewesen, eine Rechtfertigungsschleife zu öffnen, die Methodik zu hinterfragen und vor allem die Klientin zu fragen, wie sie es denn gerne anders hätte, damit er sich angleichen kann. Erst durch das Anschauen, Offenlegen und Durchfühlen seiner eigenen Verletzlichkeit – zunächst mir, dann der Klientin gegenüber – konnte er einen Schritt für beide Beteiligten gehen.

Die transformative Kraft der geteilten Verletzlichkeit entsteht, wenn Coaches ihre eigene Verletzlichkeit als Ressource begreifen und nicht als Schwäche oder gar als „unprofessionell.“ So eröffnen sich neue Dimensionen der Zusammenarbeit, Klienten erleben, dass Verletzlichkeit eine Quelle der Stärke sein kann.

Der Coaching-Markt hat sich seit (spätestens) Mitte 2024 grundlegend transformiert: Wer einen Coach braucht, dem stehen Bots aller Art zur Seite, die ein Vielfaches der – methodischen – Leistung bringen, an die auch jahrzehntelang erfahrene Coaches nicht heranreichen, und dies 24/7 und zu einem niedrigen Preis. Und wer als Klient eine so gute Beziehung zu sich hat, dass ein maschinelles Gegenüber genug „Raum halten“ kann, benötigt keinen menschlichen Coach mehr. Die Zukunft (oder schon Gegenwart?) für menschliche Berater liegt vorwiegend in Klienten, die den menschlichen Austausch schätzen, und zur Menschlichkeit gehört auch die Verletzlichkeit.

In der Praxis habe ich öfter erlebt, dass der wertvollste Moment dann kam, wenn beide an ihren jeweils eigenen Punkten der Verletzlichkeit angekommen waren. Die künstliche Trennung zwischen dem „Experten“ und dem „Hilfesuchenden“ verschwamm, keiner vermisste sie, es entstand ein echtes Miteinander, in dem beide – Coach und Klient – voneinander lernten. Genau diese Offenheit, an unsere eigenen Grenzen zu gehen, kann uns zu besseren Begleitern machen. Schließlich sind Coaching, Beratung und Therapie am Ende ein und dasselbe: keine technische Dienstleistung, sondern ein zutiefst menschlicher Prozess der Begegnung und gemeinsamen Entwicklung.

Checkliste: Verletzlichkeit als Stärke nutzen

  • Reflektiere deine eigene Haltung zur Verletzlichkeit: Wo siehst du sie als Schwäche? Wo versteckst du sie hinter „Professionalität?“
  • Übe, in Sessions authentisch zu bleiben. Wenn du etwas nicht weißt oder unsicher bist, sprich es an, statt in eine Expertenrolle zu flüchten. (Eine meiner Ausbilderinnen nannte es „das therapeutische Ääh,“ der Moment, in dem man überhaupt nicht weiter weiß. Genieß ihn!)
  • Beobachte deine spontanen Reaktionen auf „schwierige“ Klientenaussagen: Gehst du in Rechtfertigung oder Abwehr? Erweitere aktiv deinen Handlungsspielraum.
  • Schaffe dir einen sicheren Raum (Supervision, Kollegen, Chatbots), um deine eigenen verletzlichen Momente aus der Praxis zu teilen und verarbeiten.
  • Überprüfe deine Überzeugungen zum Thema „professionelle Distanz.“ Welche davon dienen dir und deinen Klienten wirklich? Welche sind überholt … oder kannst du überholen?
  • Experimentiere, dich von deinem Klienten inspirieren und berühren zu lassen. Tausche in Sessions bewusst und unbemerkt für ein paar Sekunden die Rollen. Was löst das in dir aus? Wie verändert es eure Zusammenarbeit?

○ ○ ○

Zum Weiterlesen: